Das Baltikum als hybrider Kriegsschauplatz - Veranstaltungsbericht von einem Vortrag von Dr. Hans Neubauer vom 14. November 2023

Am Dienstag vorvergangener Woche fand die Veranstaltung unter dem Titel „Die hybride Bedrohungswahrnehmung in den baltischen Staaten aus ziviler und militärischer Sicht“ in der Albert-Ueberle-Straße 3-5, 69120 Heidelberg, statt.

Die Vergangenheit spielt in der hybriden Bedrohungswahrnehmung der Balten eine erhebliche Rolle, denn Russland spielt mit diesen historischen Gegebenheiten, um gezielt eine wabernde Unsicherheit bei den Balten zu erzeugen.“ Diese Schlussfolgerung, die überraschend weit in die Geschichte zurückreichte, zog Heinz Neubauer, Oberst der Reserve im Ruhestand und seines Zeichens Sohn eines ehemaligen Professors für osteuropäische Geschichte an der Universität Heidelberg. Wie Neubauer näher ausführte, arbeiteten russische Trollfabriken hierbei mit Karten von alten Sprachgruppen, welche teilweise längst ausgestorben sind, wie beispielsweise die Sudauer. Diese alte, längst vergangene Sprachgruppe hat keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Umso einfacher, so Neubauer, ließen sich diese missbrauchen für eine ideologische Mobilisierung durch Putin. Auf diese Weise würde er mittels seiner Trollarmeen Gedanken an einen deutlich verbreiterten Suwalki-Gap oder gar eine Einverleibung von Teilen des Baltikums rechtfertigen könne. Die Sudauer dienten dabei als Proxy für die hybride Bedrohung des Baltikums, als Vehikel der subtilen Verunsicherung der Bevölkerung. Die Fragen der anschließenden Diskussionsrunde drehten sich ebenso besonders um den Umgang der baltischen Staaten mit ihrem russischsprachigen Bevölkerungsanteil. Hier hob er den positiven Einfluss der EU hervor, welcher diesem Bevölkerungsteil eine gewichtige Informationsalternative böte.

Der schon erwähnte Suwalki-Gap sei als Nadelöhr und Achillesferse der NATO anzusehen. Schon Philipp Christian Wachs hatte in seinem Vortrag im März 2022 ausführlich auf diese Schwachstelle rekurriert. Die Differenz in Neubauers Vortrag bestand jedoch in der Aufzeigung der Verbände, welche sich im Rahmen der NATO-Stationierung im Baltikum befinden. Es gäbe eine große Besorgnis seitens der baltischen Staaten über die russischen Aktivitäten im Raum Kaliningrad, dem auch die vor Ort befindlichen Truppen der NATO Abhilfe schaffen sollten. Jedoch böten sich noch manifeste Verbesserungspotenziale, um die Resilienz und die zivil-militärische Zusammenarbeit innerhalb des Verteidigungsbündnisses zu erleichtern. Zu jenen Erleichterungen gehöre insbesondere ein Konzept namens “Military Schengen.“ Dieses impliziert, dass eine Vereinheitlichung der europäischen Infrastruktur zwecks schnellstmöglichen Truppenverlegungen innerhalb der NATO angestrebt wird, die bei Orientierung an rein nationalen Bedürfnissen ein unheimliches Hindernis darstellen würde. Als Beispiel nannte Neubauer die Spurbreite der Eisenbahn, welche zwar europaweit ziemlich einheitlich sei, jedoch in Spanien zum Beispiel auf Breitspur ausgelegt sei. Dies führe im Zweifelsfall zu Verzögerungen, wenn Kampfpanzer mittel Eisenbahn über die Grenze nach Frankreich verlegt werden sollten. Teilweise existiere eine Art “Military Schengen“ schon in Ansätzen, es bedürfe allerdings weiterhin eines aktiven Bestrebens, es auszubauen.

Der Oberst verwandt auch einen eminenten Vortragsteil, um die Bedeutung des Standorts Kaliningrad vor dem Beitritt Finnlands zur NATO, beziehungsweise zukünftig bald Schwedens, hervorzuheben. Dieser Standort sei mit einer Auswahl an nuklear bestückbaren Raketentypen mittlerer Reichweite ausgestattet, so unter anderem mit dem berüchtigten Iskander-System. Berlin stellte er dabei als erreichbares Ziel für einen potenziellen Raketenregen im Eskalationsfall heraus. Jedoch relativierte er diese negative Darstellung zu einem maßgeblichen Grad, denn mit der neuen Realität eines NATO-Mitglieds Finnland könne Russlands dauerhafter Zugriff auf die Ostsee nachweislich erschwert werden. Dies relativiere die Wertigkeit eines „landgestützten Flugzeugträgers“ wie der vorher gekennzeichneten russischen Exklave grundlegend.

Zuletzt geht dieser Bericht noch auf die Gegenmaßnahmen ein, welche der Referent postulierte, neben der schon erläuterten infrastrukturellen Vereinheitlichung, um der hybriden Bedrohungswahrnehmung im Baltikum beizukommen. Schweden diene zum einen als sogenannte “host nation,“ welche ihren Luftraum bereitstelle, damit in den baltischen Staaten, ihrerseits ohne eigene Luftwaffe, eine effektive Luftabwehr stattfinden kann. Das NATO-Air-Policing dient zwar vor allem der Lufterkennung und damit Detektion feindlicher Eindringlinge in den eigenen Luftraum. Dennoch müssen die Awacs-Flugzeuge der Amerikaner zur vollen Entfaltung ihrer Überwachungsfähigkeit den baltischen Luftraum erreichen, was durch Schweden als Überflugsnation deutlich erleichtert wird. Das Air-Policing könne, wie Neubauer betonte, auch als stetiges Training für die Luftabwehr angesehen werden. Ebenso eindrucksvoll wirke die strategische Relativierung Kaliningrads, die auch in der Wahrnehmung der baltischen Bevölkerung eine Rolle spiele. Denn wie der Referent anhand des Estonia-Unglücks 1996, einer auf bis heute unaufgeklärte Weise gesunkenen Fähre zwischen Estland und Schweden, ausführte, ist herauszustellen, dass jeder Vorfall möglicherweise potenziell auf die hybride Bedrohungswahrnehmung in ziviler Hinsicht einwirkt.

Wir bedanken uns bei den insgesamt 15 Anwesenden für ihre Anwesenheit und insbesondere bei Herrn Neubauer für seinen vielfältigen und sehr kenntnisreichen Vortrag.

Niklas Kreft für die ASH Heidelberg